Wartezeit - verlorene Zeit oder bereichernde Zeit?

Der Vorstand der Vereinigung für Adoptionshilfe hat uns gebeten ein paar Zeilen zum Thema Wartezeit oder in unseren Worten ?Warterei? zu schreiben. Zuerst möchten wir ein paar Fakten aufzählen, um danach über unserer Warterei zu berichten.

Sommer 2002

Erste Gedanken zum Thema Adoption ? lesen von Fachliteratur und surfen im Internet

Sommer 2003

Anmeldung zum Kurs ?Wir wünschen uns ein Kind? vielleicht ein Adoptivkind aus der Schweiz oder aus einem anderen Land?? Information und Austausch mit anderen Adoptiveltern

Sommer 2004
Kursbesuch (langeWartezeiten bis zum Kursbeginn)

Oktober 2004
Bestellen und ausfüllen der Formulare beim Amt für Soziales Kt.SG, erster Kontakt mit der Vereinigung für Adoptionshilfe (VfA)

23. Dezember 2004
positiver Bescheid vom Amt für Soziales und Sozialbericht erstellt jetzt kann?s losgehen.

Februar 2005
per Kurier gehen die Dokumente nach Kolumbien

17. Juni 2005
positiver Bescheid vom ICBF Kolumbien wir sind auf derWarteliste!!!


Wir möchten von diesem Zeitpunkt an berichten. Die Vorbereitung und die Auseinandersetzung mit dem Thema Adoption hat schon einige Zeit vor der offiziellen Wartezeit angefangen. Erst jetzt wird uns richtig bewusst (beim Auflisten der Daten), dass auch die Vorlaufzeit eine Wartezeit war, die aber sehr schnell vorbei ging. Dort konnten wir aktiv mitgestalten und auch das Tempo vorgeben. Auch die ?Ämtergänge? waren bei uns problemlos und verliefen wie am Schnürchen. Wir dachten, dass es jetzt so weiterläuft und haben uns schon viele schöne Gedanken zum Thema Familie gemacht. Ganz bewusst habe ich mich aber von den Kinderabteilungen in Kleiderläden und Möbelhäusern ferngehalten, um nicht frustriert vom Shopping nach Hause zu kommen. Dies gelang uns eine Zeit lang recht gut. Wir haben auch beide immer gearbeitet und bis vor einem Jahr unsere Ferien zu zweit genossen. Zwei Jahre sind so wie im Flug vorbei gegangen. Natürlich haben wir die Kinder am Strand beobachtet, wie sie Sandburgen bauten oder im Kinderclub für den Clubdance probten. Manchmal war es amüsant und manchmal auch frustrierend, immer mit der Hoffnung, bald einen Anruf zu bekommen.

 

Seit Sommer 2007 begleitet uns die Warterei mit vielen Hochs und Tiefs. Manchmal stürzen wir uns in Arbeit, erklimmen hohe Berge, schwingen uns aufs Bike und ertappen uns beim Frustshopping. Manchmal wird viel über die Warterei diskutiert und dann vergehen Wochen um Wochen, wo das Thema tabu ist. Zum
Glück haben wir keine nervigen Verwandten, die ständig nachfragen und darauf hinweisen, dass dies doch nicht normal sei und das da doch was schief läuft, so ohne Informationen. Klar hat es auch immer wieder Freunde, die Fragen stellen und sich nicht richtig vorstellen können was denn jetzt in Kolumbien läuft. Uns geht es ja auch so. Was läuft eigentlich in Kolumbien? Einzig die Informationen der VfA helfen etwas über den Frust, aber nur begrenzt. Wir wissen ja, dass wir dies nicht beschleunigen können. Wir trösten uns mit dem Gedanken, dass es schon gut kommt und das wartende Kind einfach noch nicht bereit ist für uns. Es ist ein Anderes, das sich uns aussucht und wählt. Vielleicht ist es ja auch noch nicht schlüssig oder sind es vielleicht die Beamten vom ICBF? Es muss wohl so sein, dass wir nicht mehr darüber erfahren. Die Dialogabende der VfA sind für uns immer eine willkommene Abwechslung. Meist nicht des Themas wegen, sondern um uns mit Gleichgesinnten auszutauschen. Auch wenn wir dann erfahren, dass die Familie X einen Anruf erhalten hat, ist die Freude für die Familie und der Frust nahe beieinander.

Die Wochen geniessen wir zu zweit und auch sehr bewusst, dass wir mal kurz wegfahren übers Wochenende, so spontan und flexibel. Nur die Katze muss versorgt werden. Dann hängen wir gelangweilt zu Hause herum, hören die Nachbarskinder beim Räuber und Poli-Spiel, die lachenden Kinderstimmen vom nahen Kindergarten und sind einfach nur traurig und hinter-fragen unseren eingeschlagenen Weg. Schwierig? Ja es ist in der Tat schwierig.

Im Juli 2008 sind es bereits drei Jahre, seit wir auf der Wartliste sind. Frustration? Ja, es wäre nicht richtig zu sagen, dass es immer leicht ist. Auch die biologische Uhr tickt und Fragen tauchen auf, ob man dann nicht bald zu alt wird, um sich den Erziehungsaufgaben zu widmen. Am Arbeitsplatz gibt es plötzlich Möglichkeiten sich weiter zu entwickeln, wofür man seit zwei Jahren sein Bestes gegeben hat. Bald sind Verhandlungsgespräche wie weiter? Soll man noch etwas Neues anfangen, wieder Energie in die Arbeit stecken, wo doch hoffentlich bald der erlösende Anruf kommt? Viele Fragen die uns täglich begleiten. Bis jetzt haben wir es immer geschafft, uns aus dem Tief wieder heraus zu helfen. Es braucht viel Energie und einen tollen Freundeskreis, gegenseitiges Verständnis und Ablenkungsmanöver. Dies sind bis jetzt unsere Favoriten im Umgang mit der Warterei. Durch die vielen flexiblen Ablenkungsmanöver und spontanen, ja auch kreativen Aktionen hat sich auch unser Leben etwas verändert. Wir wurden bereichert und haben viel Neues kennengelernt. Die Warterei ist also nicht nur schwer und frustrierend, nein sie gibt uns auch Raum um Neues zu entdecken und unserer Kreativität freien Lauf zu lassen.

So, nun hoffen wir, dass der erlösende Anruf bald kommt und wünschen allen
Mitwartenden eine bereichernde Zeit.     D. + R. S.